Rede von Präsidentin von der Leyen im Europäischen Parlament zum Weltfrauentag

"Es gilt das gesprochene Wort"

Frau Präsidentin Metsola, liebe Roberta,

Frau Dr. Ebadi,

Frau Kapitänin Cristoforetti,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

was für eine Ehre, heute hier unter den Frauen zu sein, die für so viele andere Frauen den Weg gebahnt haben. Frau Dr. Ebadi, Sie kämpfen seit Jahrzehnten für Frauenrechte im Iran. Man wollte Sie zum Schweigen bringen. Man hat Sie inhaftiert. Man hat Sie ins Exil getrieben. Aber Sie haben sich nicht unterkriegen lassen, voller Wagemut, tagein, tagaus. Mittlerweile haben sich unzählige Frauen angeschlossen. Und die ganze Welt bewundert die Frauen im Iran. Immer mehr Frauen widersetzen sich den Verboten jenes Regimes, das sie als nicht gleichwertig betrachtet. Sie legen ihr Kopftuch ab. Und deswegen werden sie verprügelt, inhaftiert oder sogar getötet. Auch diese Frauen zeigen die Richtung auf. Für ihre Schwestern, ihre Mütter, ihre Töchter. Für alle Menschen im Iran. Für sie geht es nicht nur darum, ihr Haar zu zeigen oder zu bedecken, sondern auch um Freiheit – ein Leben ohne Angst und Gewalt. Die Freiheit, zu studieren, zu arbeiten, zu lieben – ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. So, wie es sein sollte. Frau. Leben. Freiheit.

Der Kampf und der Mut der iranischen Frauen bewegen und inspirieren Frauen in der ganzen Welt. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mögen zwar nicht die gleichen sein, aber die Rechte, nach denen wir streben, sind dieselben. Zuallererst das grundlegendste Recht: das Recht auf Gewaltfreiheit. Das wird weltweit nach wie vor mit Füßen getreten, auch hier in Europa. Und wie kann es Gleichberechtigung geben, wenn man ständig bedroht wird? Es muss noch viel getan werden, damit sich bestimmte Denkweisen ändern, dass es niemals gerechtfertigt ist, eine Frau zu schlagen, dass weibliche Verstümmelung niemals rechtens ist. „Nein“ heißt „Nein“. Deshalb setzen wir uns massiv dafür ein, dass alle Frauen in allen europäischen Ländern gleichermaßen geschützt sind. Ich weiß, Sie, meine Damen und Herren Abgeordneten, teilen dieses Bestreben. Lassen Sie uns an einem Strang ziehen. Lassen Sie uns das erste EU-Gesetz gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt auf den Weg bringen.

Sehr verehrte Damen und Herren Abgeordnete,

werte Gäste,

die Gleichstellung von Frau und Mann „fällt nicht vom Himmel“. Selbst in Ländern, in denen es keine Sittenpolizei gibt. Diese Fortschritte erfordern harte Arbeit – und sind auch leicht rückgängig zu machen. Sie benötigen tagtäglich Aufmerksamkeit und Engagement damit wir dafür sorgen können, dass Frauen und Mädchen frei von Gewalt sind, dass sowohl Männer als auch Frauen Familie und Arbeit unter einen Hut bekommen, dass Frauen dasselbe verdienen wie ihre männlichen Kollegen, weil sie es sich verdient haben, dass Frauen in Führungsebenen gelangen, weil sie qualifiziert sind. Wir haben die Pflicht, der Gesellschaft und der Wirtschaft zu zeigen, wie eine faire Welt aussieht. Und diese Pflicht zählt jeden Tag und nicht nur am Weltfrauentag.

Doch was Frauen und Mädchen neben Gesetzen noch brauchen, sind Vorbilder. Frauen, die die Richtung vorgeben. Und deshalb freue ich mich, Sie, Frau Kapitänin Cristoforetti, heute hier zu begrüßen. Sie haben einmal gesagt: „Als Kind habe ich nicht davon geträumt, die erste italienische Astronautin zu werden. Ich habe einfach davon geträumt, Astronautin zu werden.“ Sie wollten nur Ihrem Traum folgen. Und mit Leidenschaft und harter Arbeit haben Sie es geschafft. Und nun schauen Mädchen zu Ihnen auf. Sie sind ein Vorbild. Dank Ihnen wissen sie, dass sie sich auch hohe Ziele setzen können. Und genau wie Sie können sie nach den Sternen greifen.

Frau Kapitänin Cristoforetti, Frau Dr. Ebadi, Sie machen uns Mut um nach einer Welt zu streben, in der Mädchen und Jungen das werden können, was sie sich erträumen, in der es keine Männer- oder Frauenjobs gibt, in der nicht einmal der Himmel die Grenze ist. Das ist unser Ziel – nicht, weil Frauen besser sind, sondern weil wir anders sind, und, ganz einfach, weil es richtig ist. Es ist Zeit für eine Welt mit gleichen Rechten und fairen Chancen. Nicht nur für Frauen, sondern für uns alle.

Es lebe Europa.


Zařazenost 15.03.2023 12:03:00
ZdrojEvropská komise de
Originálec.europa.eu/commission/presscorner/api/documents?reference=SPEECH/23/1673&language=de
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